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Was du gesagt hast, ist vollkommen richtig. Vergessen wiegt gar nichts. Und auch der Tod wiegt nichts. Der Tod ist da. Und ihr wisst gar nicht, wie nah er uns ist. Aber darum geht es nicht. Weder unser Tod noch unser Verschwinden noch unser Hinübergehen in das Reich der Toten ändern etwas an ihrer Unvermeidlichkeit. Es ist doch wirklich albern, den Monatszyklus zu ignorieren. Albern, sich gegen den Lauf der Flüsse aufzulehnen. Man muss das als etwas Gegebenes hinnehmen, gelassen hinnehmen wie alles Unabwendbare. Das einzige, was wirklich zählt, ist unsere Verliebtheit, die Liebe, die wir in uns tragen, die uns begleitet, mit der wir leben. Du kannst ja nie wissen, wie viel dir davon wirklich zugedacht ist, wie viel du hast, wie viel auf dich wartet. Sie zu finden, bedeutet Freude, sie zu verlieren, Traurigkeit und Unglück. Wir alle leben in dieser merkwürdigen Stadt, wir alle sind hier geblieben, wir alle kehren früher oder später hierher zurück. Wir leben und tragen diese Liebe in uns wie eine Schuld, wie eine Erinnerung, die unsere ganze Erfahrung, unser ganzes Wissen fasst. Und ihr Vorkommen in unserem Atem, an unserem Gaumen ist so ziemlich das wichtigste Gerüst unseres Lebens. Jeden Morgen stehe ich auf und erinnere mich an die Frauen, denen ich begegnet bin und mit denen ich zu tun hatte. Fröhliche und aufgewühlte, sorglose und ratlose, jungfräuliche und schwangere. Ich glaube, das Wichtigste war für mich immer, mit ihnen zu sprechen, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, mein Verliebtsein, meine ganze Liebe mit ihnen zu teilen. Alles andere ist sowieso aus meiner Verliebtheit entstanden, hatte also genau genommen kein Gewicht, keinen Sinn. Deswegen hat es auch keinen Sinn, über etwas anderes zu reden. Und jetzt, schloss er, müsst ihr alle baden gehen.


Was alle auch taten. Und als lärmende Masse kamen sie zwischen den Bäumen hervor und bedankten sich für diese klugen, wenn auch etwas pathetischen Worte. Jemand hatte Wein dabei, ein anderer schaltete die Taschenlampe am Handy ein, um den Weg zu finden und zum Ufer hinunter zu gehen.


Wie gut, dass ich schließlich hier angekommen war, an diesem Ufer, an diesem Wasser.


Gut, hier zu stehen und zu beobachten, wie sie in den Fluss steigt, zu wissen, dass du tatsächlich endlos lange in jeden Fluss steigen kannst. Du kannst dich endlos lange an die Feuchtigkeit halten, die dich umfängt, unendlich lange auf die Rückkehr derer warten, die du gekannt und geliebt hast. Der Fluss bringt alle von dir gehörten Intonationen, der Fluss hütet alle am Ufer zurückgelassene Wärme, Flüsse können warten, können immer wieder von vorn beginnen. Weil der Fluss unermüdlich ist, weil der Strom unermüdlich ist, und niemand kann die ganze Masse vom feuchtem Licht, diese ganze Ansammlung von Wärme und Kälte stoppen. Ich kann nur hier, hier am Ufer, auf sie warten und mit ihr zusammen zurückzukehren, in die Stadt.


Ich dachte, ich würde den Geruch des Wassers, den Geruch des Lehms und der Wiese, den Geruch des Rauchs und des Herbsts, den Geruch des Lebens, das noch nicht begonnen hat, und des Todes, der noch nicht gekommen war, lange in Erinnerung behalten. Und was wird sie von all dem behalten? Wird sie sich an die Stille erinnern, die über uns steht? Oder erinnert sie sich an ihren Atem, der jetzt aus dieser Stille wächst? Alles hängt ja doch von uns ab. Zuallererst unser Wunsch, uns wenigstens an irgendetwas zu erinnern. Und unser Wunsch, uns an nichts zu erinnern.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

© Serhiy Zhadan

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