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Es gibt keine Vergangenheit. Sie gehört ausschließlich zu deinen Träumen, mit ihnen entsteht und verschwindet sie. Aber Fensterrahmen und kaputte Türen gibt es, nebelfeuchte Wege und Universitätsstadien, mit denen alles Vergangene nämlich begonnen hat. Es gibt unzählige Gesichter und Namen, kurze Grüße, sichere Bewegungen, tausend mal tausend Geschichten und Biografien, aus denen die Wirklichkeit besteht. Und alles Weitere hängt von dir ab – welche Geschichten du hören kannst, welche Geschichten du verstehen wirst, welche Geschichten du weitererzählen willst. Wenn du sie nämlich einmal meidest, riskierst du, sie für immer zu verlieren, und dann bleibt dir höchstens noch deine Nostalgie – der traurige, trostlose Wunsch, in Chimären und Traumbildern zu leben, die Schwäche durch Liebe zu rechtfertigen und die Unsicherheit durch Zärtlichkeit.

Was noch? Die Fröste vergehen. Abends, wenn das Dunkel kommt, siehst du, dass ringsum nichts ist, nur Dunkelheit, sonst nichts. Und dann lässt Gott seine Angelegenheiten ruhen und zeichnet all die Linien von Flüssen und Seen, die Grenzen, neutralen Streifen, die Fisch- und Vogelrouten in der Luft und im Ozean auf Karten und Atlanten ein. Er zeichnet, und dabei denkt er an sie, an die Vögel und Fische, an ihre Bedürfnisse und Gelüste, an ihren Charakter und ihr Temperament. Den vögeln über uns soll es gutgehen, sie sollen sich wohlfühlen, sollen nicht zu einer verschüchterten Schar werden, sollen nicht vor Verzweiflung und Unsicherheit über uns rufen. Sie sollen über den hohen Bäumen kreisen, sollen über den stillen nächtlichen Brücken treiben, sollen die einsamen Frauen begleiten, wenn sie am späten Abend durch die ausgekühlten Straßenläufe nach Hause zurückkehren. Dasselbe mit den Fischen. Sie sollen sich an ihre Grenzen halten, stromaufwärts schwimmen, am Ufer entlang, die Kometen meiden, die sich vom blechernen Himmel stürzen und die ganze Nacht über der leisen Vielstimmigkeit der Frauen lauschen.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

© Serhiy Zhadan

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