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Direkt unter uns leuchteten im dunklen Silber die Viertel, in denen wir aufgewachsen waren, schwere Häusertürme, verzweigte Baumwipfel. Es leuchteten die leeren Höfe, in denen Dunkelheit stand wie Wasser in versunkenen Tankern. Es leuchteten Fenster und Balkone, Antennen und Leitern. Es leuchteten Torbögen und Treppenhäuser, Laternenmasten und Litfaßsäulen. Es leuchteten Ziegel und Blech, Gras und Steine, Ton und nächtliche Erde. Es leuchteten die Spinnennetze, die mit dünnen Fäden die Luft füllten. Weiter hinten fielen die Häuser zum Fluss ab, und dort, schon näher am Flussbett, leuchteten die Dächer der Lagerhäuser und Autowerkstätten, es leuchtete das kalte Quecksilber der Strömung, der gespenstische Schornstein der alten Mühle am anderen Ufer, die Lichter der Einfamilienhäuser, weiße Rauchschwaden der Heizkraftwerke und Fabriken. Noch weiter übergoss das Silber die Erde und die Himmel. Und man konnte nur ahnen, wer dort wohnte und was dort vor sich ging.

In den schmalen Straßen voller Reklame und Autos gab es Banken und kleine Läden, rund-um-die-Uhr-Kioske mit Tabak und rund-um-die-Uhr-Apotheken mit Heiltränken. In den Auslagen glühten grün und rosa Kleider und Accessoires, aus den Geschäften schleppten Angestellte schwere Flaschen mit Trinkwasser fort und brachten sie eilends in die Küchen, wo die Köche gerade Feuer machten und für die Hausherren erlesene und arabische Speisen zubereiteten. In den Restaurants und Kaffeehäusern tauchten die ersten Gäste auf – jene, die gerade mit dem Nachtzug angekommen waren oder die es nach ihren nächtlichen Eskapaden nicht mehr geschafft hatten, schnell nach Hause zu gehen und zu frühstücken, oder jene, die wochenlang in einem Hotel oder Nachtklub wohnten und einfach mal unter Leuten sein wollten, indem sie dem Morgengeruch von Kognak folgten.

In den billigen Mensen versammelten sich Studenten, kippten Bier über ihre Mitschriften, holten unter der Achsel Jägermesser hervor und drohten, den Dozenten und Dekanen die Därme rauszuschneiden, erzählten sich die letzten Neuigkeiten und trugen zweifelhafte Gedichte vor. In den teuren Restaurants saßen Geschäftsleute und unterzeichneten Verträge, indem sie sich mit Rasierklingen ritzten und ihre Unterschrift mit Blut setzten. Die Frauen auf den Straßen dufteten nach Schlaf und Liebe, Kinder, die zur Schule liefen, wiederholten die merkwürdigen Geschichten, die sie in der Nacht zuvor geträumt hatten. Ihre Rufe stiegen in den Himmel und versetzten die Luftströme in Unruhe, die hin und her wogten, innehielten und ihre Richtung änderten.

Die Heiligen standen im blauen unsichtbaren Raum, hinter den Windströmen und Luftlöchern, fütterten die Tauben und lauschten den Stimmen unten:

Wir tun alles, was von uns abhängt. Und weil längst nicht alles von uns abhängt, dürft ihr euch auch nicht nur auf uns verlassen. Die meisten Lebenswidrigkeiten und Gewissensbisse kommen von unserem Unwillen, unsere Handlungen jeden Tag in gut und böse einzuteilen. Wir haben unsere Liebe, aber wir gebrauchen sie nicht immer. Wir haben unsere Angst und verlassen uns mehr auf sie, als nötig ist. Das Leben hat nur zwei Wege – einer führt ins Paradies, der andere in die Hölle. Allerdings überschneiden sie sich an vielen Stellen.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

© Serhiy Zhadan

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